Die Ostfrieslandliga ist nicht die Dritte Liga. Sagt der NFV-Kreis Ostfriesland. Wir stimmen zu. Grafik: DALL-E
Die Ostfrieslandliga ist nicht die Dritte Liga. Sagt der NFV-Kreis Ostfriesland. Wir stimmen zu. Grafik: DALL-E

Viele hat nicht nur die Entscheidung überrascht, sondern auch der Zeitpunkt: Noch vor dem letzten Relegationsspiel zwischen TuS Großheide und Concordia Neermoor wurde den beteiligten Vereinen mitgeteilt, dass beide Mannschaften in die Ostfrieslandliga aufsteigen. Der Grund war der Startverzicht des Süderneulander SV. Der Bezirksligaabsteiger will in der kommenden Saison nicht in der Ostfrieslandliga antreten. Der dadurch frei werdende Platz wird nach Entscheidung des NFV-Kreises Ostfriesland nicht durch einen Absteiger weniger besetzt. Stattdessen steigt ein zusätzlicher Teilnehmer aus der Relegation auf.

Zu dieser Entscheidung hat Winfried Neumann, Vorsitzender des NFV-Kreises Ostfriesland, nun ausführlich Stellung genommen. Aus seiner Sicht ist die Grundlage eindeutig. Maßgeblich seien zunächst die Durchführungsbestimmungen des NFV-Kreises Ostfriesland für die Herrensaison 2025/26. Darin sei festgelegt, dass es zwei direkte Absteiger aus der Ostfrieslandliga in die Ostfrieslandklasse A gibt. Außerdem spiele der Tabellen-14. der Ostfrieslandliga in der Relegation mit den Tabellenzweiten der beiden Ostfrieslandklassen A um den Aufstieg beziehungsweise den Verbleib in der Ostfrieslandliga.

Der Sonderfall, dass ein Bezirksligaabsteiger seinen Startplatz in der Ostfrieslandliga nicht wahrnimmt, sei in diesen Durchführungsbestimmungen nicht geregelt, erklärt Neumann. Dann greife die Spielordnung des NFV. Dort sei Paragraf 18 Absatz 4 d maßgeblich. Danach müsse eine Spielklasse, die im neuen Spieljahr die Sollzahl unterschreitet, durch verringerten Abstieg oder durch zusätzliche Aufsteiger aufgefüllt werden. Für die Ostfrieslandliga gilt eine Sollzahl von 16 Mannschaften.

Spielordnung nicht so klar wie erwartet

Genau an diesem Punkt liegt der Streit. Denn die Spielordnung nennt offenbar beide Möglichkeiten. Der Kreis hätte also den Abstieg verringern können. Dann wäre die SG TuS Rot-Weiß Emden/Kickers II als betroffener Relegationsverlierer in der Ostfrieslandliga geblieben. Er entschied sich aber für die andere Variante. Nach Neumanns Darstellung ergibt sich diese Entscheidung aus dem Aufbau der Relegation selbst. Da die Relegationsspiele in den Durchführungsbestimmungen konkret aufgeführt seien, um Aufsteiger zu ermitteln, sei die Besetzung des freien Platzes durch einen zusätzlichen Aufsteiger aus seiner Sicht eindeutig.

Neumann betont zudem, dass die Relegation nicht nur aus einem einzelnen Endspiel bestehe. Die drei Spiele seien Pflichtspiele und am Ende ergebe sich daraus eine Tabelle. Der Tabellenerste steige in die Ostfrieslandliga auf. Gebe es einen weiteren freien Platz, steige nach dieser Auslegung auch der Tabellenzweite auf. Dasselbe würde nach Neumanns Darstellung auch für den dritten Platz gelten, wenn ein weiterer Platz frei wäre. Alle drei Mannschaften hätten die gleiche Möglichkeit gehabt, ihre Spiele erfolgreich zu bestreiten.

1860 München ist nicht der Süderneulander SV, das kann man deutlich sehen

Damit widerspricht der Kreis der naheliegenden Gegenlogik, nach der ein frei werdender Platz zuerst dem besten betroffenen Absteiger zugutekommen müsste. Genau diese Frage hatte auch der Vergleich mit der 3. Liga aufgeworfen. Dort hatte der DFB im Fall des TSV 1860 München anders gehandelt. Weil 1860 München keine Zulassung für die 3. Liga erhielt, wurde der Verein ans Tabellenende gesetzt. Dadurch rückten die anderen Mannschaften nach oben. Der TSV Havelse profitierte als bester sportlicher Absteiger. Lok Leipzig, Verlierer der Aufstiegsrelegation, erhielt dagegen keinen zusätzlichen Startplatz.

Neumann hält diesen Vergleich für nicht passend. Die 3. Liga gehöre zum Profibereich und unterliege der DFB-Ordnung. Die Kreis- und Kreisklassen gehörten dagegen zum Amateurbereich, in dem Durchführungsbestimmungen und Landesausschreibungen maßgeblich seien. Außerdem habe 1860 München in der abgelaufenen Saison tatsächlich in der 3. Liga gespielt. Süderneuland habe dagegen nicht in der Ostfrieslandliga gespielt, sondern sei aus der Bezirksliga abgestiegen. Der Verein habe deshalb in der Ostfrieslandliga auch nicht ans Tabellenende gesetzt werden können.

Zeitpunkt der Bekanntgabe sorgt für Stirnrunzeln

Das ist die zentrale Begründung des NFV-Kreises: 1860 München war Teil der betroffenen Liga, Süderneuland nicht. Deshalb sei der Fall nicht vergleichbar. Aus Sicht des Kreises gab es also keinen Tabellenplatz in der Ostfrieslandliga, auf den Süderneuland nachträglich hätte gesetzt werden können. Stattdessen habe nur festgestanden, dass in der Ostfrieslandliga ein Platz frei wird. Dieser Platz sei durch die Aufstiegsrelegation zu besetzen gewesen.

Der umstrittenste Punkt bleibt der Zeitpunkt. Neumann erklärt, entscheidend sei das Vorliegen einer offiziellen, schriftlichen und unterschriebenen Mitteilung des Süderneulander SV zum Startrecht in der Ostfrieslandliga für die Saison 2026/27 gewesen. Dieses Schreiben habe er am Vormittag des 10. Juni zur Kenntnis genommen. Danach sei die Lage mit dem Spielausschuss des NFV-Kreises Ostfriesland besprochen worden. Anschließend sei entschieden worden, die Vereine möglichst schnell zu informieren.

Aufstiegsfrage für Verband vor Anpfiff beantwortet

Um 19 Uhr, also noch vor dem Spiel in Großheide, seien die drei Vereine informiert worden. Parallel geschah dies nach Neumanns Angaben in Großheide und in Emden. Ziel sei gewesen, allen beteiligten Vereinen Klarheit zu geben.

Den Einwand, dass dadurch die sportliche Bedeutung eines laufenden Relegationswettbewerbs verändert wurde, teilt Neumann nicht. Ihm sei ein solcher Einwand nicht bekannt. Außerdem hätten nach seiner Auslegung nur noch Großheide und Neermoor für die zwei Aufstiegsplätze infrage kommen können. Damit stand aus Sicht des Kreises bereits vor dem Anpfiff fest, dass das Ergebnis des Spiels keinen Einfluss mehr auf die Frage des Aufstiegs hat.

Doch kein Protest des TuS Rot-Weiß Emden

Gerade diese Begründung dürfte die Diskussion allerdings nicht beenden. Denn auch wenn der Kreis aus seiner Sicht frühestmöglich Klarheit schaffen wollte, bleibt der sportliche Effekt offensichtlich. Ein Relegationsspiel, bei dem vor dem Anpfiff feststeht, dass beide Mannschaften aufsteigen, ist kein Relegationsspiel im ursprünglichen Sinne mehr. Der Druck ist ein anderer. Die Ausgangslage ist eine andere. Die Bedeutung des Ergebnisses ist eine andere. Ob man das als pragmatische Transparenz oder als nachträgliche Veränderung des Wettbewerbs bewertet, bleibt der Kern der Debatte.

Auch beim TuS Rot-Weiß Emden sieht man die Sache differenzierter, als es nach dem Spiel womöglich klang. Markus Tebben, Vorsitzender des TuS Rot-Weiß Emden, stellt klar: „Ich habe gesagt, dass wir sportlich die Leistungen der beiden Gegner anerkennen. Nicht, dass wir alles anerkennen. Vor allem nicht die Regularien.“ Persönlich wünsche er sich eine Aufstockung der Liga, in der die SG Rot-Weiß Emden/Kickers II dann gemeinsam mit Großheide und Neermoor in der kommenden Saison antreten könne. Am Freitag gebe es dazu eine Sitzung. Allerdings: Mittlerweile hat sich die Entscheidungslage beim TuS Rot-Weiß offensichtlich geklärt. Jetzt heißt es, man werde keinen Protest einlegen.

Sportliche Leistung von Großheide und Neermoor stehen außer Frage

Damit ist die sportliche Leistung von Großheide und Neermoor ausdrücklich nicht der Streitpunkt. Beide Vereine haben sich ihre Relegation erarbeitet. Beide haben im Rahmen der vom Kreis gesetzten Bedingungen gespielt. Die eigentliche Frage bleibt eine andere: Musste der freie Platz zwingend an die Aufstiegsrelegation gehen, oder hätte zuerst der Abstieg aus der Ostfrieslandliga verringert werden müssen?

Winfried Neumann beantwortet diese Frage klar zugunsten der zusätzlichen Aufsteiger. Der NFV-Kreis Ostfriesland sieht sich durch Spielordnung und Durchführungsbestimmungen gedeckt. Zugleich bleibt der Fall bemerkenswert, weil er zeigt, wie viel Auslegung in scheinbar klaren Auf- und Abstiegsregeln steckt. Und weil die Entscheidung vor dem letzten Relegationsspiel eine sportliche Pointe erzeugte, die so wohl niemand geplant hatte: Ein Spiel wurde angepfiffen, obwohl die wichtigste Frage schon beantwortet war.

Von togo

Hat Trainerschein und Lust zum Schreiben - gefährliche Mischung. Findet Schirischelte billig und kann Schwalben nix abgewinnen. Höchste erreichte Ligen: Kreisliga (Spieler), Landesliga (Trainer), Oberliga (Funktionär).

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