Wie beliebig darf eine Ligeneinteilung sein? Grafik: DALL-E
Wie beliebig darf eine Ligeneinteilung sein? Grafik: DALL-E

Es gibt Entscheidungen, die wirken auf den ersten Blick wie eine Randnotiz aus dem Amateurfußball. Ein Verein verzichtet auf seinen Startplatz, eine Liga muss wieder auf Sollstärke gebracht werden, irgendein Ausschuss sortiert die Mannschaften neu. Fertig. Alltag im Sommer, wenn die Tabellen längst abgeschlossen sind, aber die Spielklassen trotzdem noch einmal ins Rutschen geraten.

Ganz so einfach ist es diesmal nicht.

Der Süderneulander SV steigt aus der Bezirksliga ab, will aber in der Ostfrieslandliga nicht antreten. Damit wird in der Ostfrieslandliga ein Platz frei. Das ist der Ausgangspunkt. Die eigentlich naheliegende sportliche Frage lautet nun: Wer profitiert davon? Bleibt der beste betroffene Absteiger in der Liga? Oder rückt ein weiterer Aufsteiger von unten nach?

Der NFV-Kreis Ostfriesland hat sich für die zweite Variante entschieden. Nicht die SG TuS Rot-Weiß Emden/Kickers II soll vom freien Platz profitieren, sondern ein zusätzlicher Aufsteiger aus der Relegation. Konkret wurde vor dem Spiel zwischen TuS Großheide und Concordia Neermoor mitgeteilt, dass beide Mannschaften unabhängig vom Ergebnis in die Ostfrieslandliga aufsteigen. Damit war aus einem Entscheidungsspiel vor dem Anpfiff im Kern ein Freundschaftsspiel mit besserem Etikett geworden. Ob Concordia Neermoor nun in Großheide gewonnen hat oder nicht, ist irrelevant – die Partie fand unter fragwürdigen Umständen statt.

Und genau da beginnt das Problem.

Es geht nicht darum, TuS Großheide oder Concordia Neermoor den sportlichen Wert ihrer Saison abzusprechen. Wer in eine Relegation kommt, hat sich diese Chance erarbeitet. Es geht auch nicht darum, einem Verein etwas zu missgönnen. Die Frage ist eine andere: Nach welcher Logik entscheidet ein Verband, wenn ein Platz frei wird? Und warum entscheidet der Fußball-Kreis Ostfriesland offenbar anders als der DFB?

Der Vergleich mit der 3. Liga ist aufschlussreich: Der TSV 1860 München bekommt keine Zulassung für die 3. Liga. Der frei werdende Platz fällt nach der DFB-Logik nicht an den Verlierer der Aufstiegsspiele aus der Regionalliga. Er fällt zunächst an den bestplatzierten sportlichen Absteiger der 3. Liga. Also an den Verein, der die Klasse sportlich eigentlich knapp verfehlt hat, aber durch den nachträglichen Wegfall eines anderen Klubs wieder hineinkommt. In diesem Fall wäre das der TSV Havelse. Lok Leipzig darf deshalb nicht einfach zusätzlich aufsteigen.

Das ist nicht nur eine Formalie.

Das ist ein Prinzip. Wenn ein Verein aus einer Liga wegfällt, wird zunächst innerhalb dieser Liga korrigiert. Der sportliche Abstieg wird verringert. Erst wenn diese Möglichkeit nicht greift, schaut man nach unten. Diese Logik schützt den Wettbewerb. Sie verhindert, dass ein nachträglicher Vorgang den Aufstiegskampf der darunterliegenden Liga plötzlich neu schreibt.

In Ostfriesland wurde es anders gemacht. Der freie Platz durch Süderneulands Startverzicht wurde nicht genutzt, um den Abstieg der SG TuS Rot-Weiß Emden/Kickers II zu verringern. Stattdessen wurde die Relegation nach oben geöffnet. Der Zweitplatzierte der Relegation sollte ebenfalls aufsteigen. Genau an dieser Stelle drängt sich die Frage auf: Wenn Lok Leipzig nicht von 1860 Münchens Aus profitieren darf, warum darf dann die TuS Großheide oder Concordia Neermoor vom Süderneulander Verzicht profitieren?

Natürlich ist der NFV-Kreis Ostfriesland nicht der DFB.

Natürlich ist die Ostfrieslandliga nicht die 3. Liga. Und natürlich können Spielordnungen auf unterschiedlichen Ebenen unterschiedliche Formulierungen enthalten. Aber der DFB ist der oberste Verband. Seine Regelung zeigt, was im deutschen Fußball offenbar als saubere sportliche Reihenfolge gilt. Erst wird der Abstieg reduziert, dann wird nach zusätzlichen Aufsteigern gesucht. Wer davon abweicht, sollte dafür sehr gute Gründe haben.

Bislang sind diese Gründe nicht bekannt.

An den NFV-Kreis Ostfriesland wurden entsprechende Fragen gerichtet. Es ging um die konkrete Regelgrundlage, um die Entscheidung gegen den verringerten Abstieg, um den Vergleich mit der DFB-Regelung und um den Zeitpunkt der Mitteilung vor dem Relegationsspiel zwischen Großheide und Neermoor. Bis zur Veröffentlichung dieses Textes lag keine Antwort des NFV-Kreises Ostfriesland vor.

Das ist bedauerlich, denn die Entscheidung ist erklärungsbedürftig.

Die NFV-Spielordnung lässt bei einer Unterschreitung der Sollzahl offenbar zwei Wege zu. Eine Liga kann durch verringerten Abstieg oder durch zusätzliche Aufsteiger aufgefüllt werden. Das ist zunächst ein Spielraum. Aber Spielraum ist nicht dasselbe wie Beliebigkeit. Wenn zwei Wege möglich sind, muss ein Verband erklären können, warum er den einen wählt und den anderen verwirft. Vor allem dann, wenn die Entscheidung direkte Folgen für konkrete Vereine hat.

Für die SG TuS Rot-Weiß Emden/Kickers II ist die Sache besonders bitter. Die Mannschaft war genau der Verein, der aus Sicht der Ligalogik am unmittelbarsten betroffen war. Sie wäre der erste Kandidat gewesen, wenn der Kreis den Abstieg verringert hätte. Stattdessen wurde die freie Stelle an die Aufstiegsseite weitergereicht. Das kann man machen, wenn die Ausschreibung das klar vorsieht. Nur muss dann auch klar sein, wo das dort steht.

Noch schwerer wiegt der Zeitpunkt. Ein Relegationsspiel lebt davon, dass etwas auf dem Spiel steht. Wer gewinnt, steigt auf oder bleibt drin. Wer verliert, muss die Konsequenzen tragen. Wenn aber vor dem Anpfiff mitgeteilt wird, dass beide Mannschaften aufsteigen, verändert sich der Charakter des Spiels fundamental. Die taktische Ausgangslage verändert sich. Die mentale Lage verändert sich. Der Druck verändert sich. Die ganze sportliche Wahrheit dieses Spiels verändert sich. Hier hat der Verband einen massiven Fehler begangen.

Ein Verband muss genau das vermeiden.

Relegation ist ohnehin die härteste Form des Saisonendes. Eine ganze Spielzeit verdichtet sich auf ein Match oder wenige Spiele. Vereine planen mit Einnahmen, Kadern, Trainern und Erwartungen. Spieler laufen mit dem Gefühl auf, dass es um alles geht. Zuschauer kommen, weil es um alles geht. Wenn der Verband dieses „Alles“ vor dem Anpfiff herausnimmt, bleibt vom Entscheidungsspiel nur noch die Fassade.

Das klingt hart, aber anders lässt sich die Wirkung kaum beschreiben. Der Ausgang der Relegation wurde nicht im Sinne eines falschen Ergebnisses verfälscht. Niemand muss einem Spieler unterstellen, nicht ordentlich gespielt zu haben. Doch die sportliche Bedeutung wurde verfälscht. Ein Spiel, das entscheiden sollte, entschied plötzlich nichts Entscheidendes mehr. Das ist im Wettbewerb ein massiver Eingriff.

Gerade deshalb ist der Verweis auf den DFB so wichtig. In der 3. Liga hätte eine vergleichbare Logik bedeutet, dass Lok Leipzig vom Lizenzproblem des TSV 1860 München profitiert. Der DFB macht das aber nicht. Er schützt zuerst den besten Absteiger. Havelse steht vor Lok. Klassenerhalt vor zusätzlichem Aufstieg. Das ist nachvollziehbar. Man muss es nicht mögen, vor allem nicht aus Sicht eines ambitionierten Regionalligisten. Aber man kann es erklären.

In Ostfriesland fehlt diese Erklärung bislang.

Vielleicht kann der NFV-Kreis gute Gründe nennen. Vielleicht gibt es eine interne Linie, die seit Jahren angewendet wird. Vielleicht steht in einer Ergänzung zur Ausschreibung etwas, das bislang nicht öffentlich wahrgenommen wurde. Vielleicht sieht der Kreis den Fall Süderneuland anders als einen Lizenzentzug in der 3. Liga. All das kann sein. Nur müsste es dann gesagt werden.

Denn ohne Begründung bleibt ein unangenehmer Eindruck zurück. Der Eindruck, dass hier nicht die klarste sportliche Logik angewendet wurde, sondern die bequemere Lösung. Zwei Aufsteiger aus der Relegation wirken auf den ersten Blick charmant. Niemand aus diesem Spiel ist enttäuscht, zwei Vereine freuen sich, die Sollzahl ist erreicht. Nur verschwindet dadurch nicht das Problem. Es wird nur an eine andere Stelle geschoben. Und dort steht die SG TuS Rot-Weiß Emden/Kickers II.

Am Ende geht es um mehr als diesen einen freien Platz. Es geht um Vertrauen in Regeln. Amateurvereine müssen akzeptieren können, dass Entscheidungen auch dann gelten, wenn sie weh tun. Dafür müssen diese Entscheidungen vorhersehbar sein. Sie müssen aus der Ausschreibung oder aus der Spielordnung sauber ableitbar sein. Und sie müssen in vergleichbaren Fällen vergleichbar wirken.

Genau das ist hier die offene Frage.

Wenn der DFB beim Fall 1860 München sagt, dass zunächst der beste Absteiger profitiert, dann ist es schwer vermittelbar, warum im Fußball-Kreis Ostfriesland der zusätzliche Aufsteiger Vorrang haben soll. Nicht unmöglich. Aber erklärungsbedürftig. Solange der Kreis diese Erklärung nicht liefert, bleibt der Titel dieses Textes leider mehr als nur eine zugespitzte Frage.

Lex Neermoor/Großheide?

Der Ball liegt jetzt beim NFV-Kreis Ostfriesland.

Von togo

Hat Trainerschein und Lust zum Schreiben - gefährliche Mischung. Findet Schirischelte billig und kann Schwalben nix abgewinnen. Höchste erreichte Ligen: Kreisliga (Spieler), Landesliga (Trainer), Oberliga (Funktionär).

Ein Kommentar zu „Lex Neermoor/Großheide? Wieso der Fußball-Kreis Ostfriesland anders entscheidet als der DFB“
  1. […] Zu dieser Entscheidung hat Winfried Neumann, Vorsitzender des NFV-Kreises Ostfriesland, nun ausführlich Stellung genommen. Aus seiner Sicht ist die Grundlage eindeutig. Maßgeblich seien zunächst die Durchführungsbestimmungen des NFV-Kreises Ostfriesland für die Herrensaison 2025/26. Darin sei festgelegt, dass es zwei direkte Absteiger aus der Ostfrieslandliga in die Ostfrieslandklasse A gibt. Außerdem spiele der Tabellen-14. der Ostfrieslandliga in der Relegation mit den Tabellenzweiten der beiden Ostfrieslandklassen A um den Aufstieg beziehungsweise den Verbleib in der Ostfrieslandliga. […]

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