Guck mal, da hinten wird Fußball gespielt! Foto: Blaue Ostfriesen
Guck mal, da hinten wird Fußball gespielt! Foto: Blaue Ostfriesen

Das 3:3 von Kickers Emden bei Atlas Delmenhorst bot reichlich Gesprächsstoff. Allerdings weniger wegen des Ergebnisses als wegen einer merkwürdigen Feindschaft, miserabler Sicht und einer Emder Defensive, die dringend Führung benötigt.

Üblicherweise parken hier die Gästefans, damit die Abläufe entschärft werden können. Am Mittwochabend war die Fläche gesperrt, damit die Polizei hier ihre Mannschaftswagen abstellen konnte. Foto: Blaue Ostfriesen
Üblicherweise parken hier die Gästefans, damit die Abläufe entschärft werden können. Am Mittwochabend war die Fläche gesperrt, damit die Polizei hier ihre Mannschaftswagen abstellen konnte. Foto: Blaue Ostfriesen

Die erste Merkwürdigkeit dieses Fußballabends wartete bereits vor dem Gästeeingang. Der Parkplatz an der Düsternortstraße war gesperrt. Nicht etwa, weil dort Bauarbeiten stattfanden oder besonders sensible Bereiche freigehalten werden mussten. Auf der Fläche parkten die Mannschaftswagen der Polizei. Man kann das durchaus für eine interessante Form der Gefahrenabwehr halten: Erst verschärft man die Parksituation für die Gästefans und schickt sie auf die Suche in die umliegenden Straßen, damit rund um das Spiel bloß kein Ärger entsteht. Zum Glück gab es direkt gegenüber noch eine Parkfläche. Die war allerdings schnell voll.

Überhaupt war erstaunlich viel Polizei im Einsatz. Sehr viel Polizei. Verdammt viel Polizei für ein Spiel in der Regionalliga Nord. Natürlich hat es in der jüngeren Vergangenheit unrühmliche Begegnungen zwischen Teilen der erlebnisorientierten Szenen beider Vereine gegeben. Ganz aus der Luft gegriffen war die Vorsicht also nicht. Trotzdem entsteht solcher Ärger nur selten unmittelbar im Umfeld des Stadions. Am Mittwoch hätte man dagegen glauben können, mindestens das Niedersachsen-Derby zwischen Eintracht Braunschweig und Hannover 96 stehe bevor. Aber immerhin wissen wir nun, dass Niedersachsen offenbar doch über eine beachtliche Zahl an Einsatzkräften verfügt. Wer bei einem Regionalligaspiel mit derartiger Personalstärke staatliche Präsenz demonstriert, darf bei der nächsten antisemitischen Demonstration gern ähnlich konsequent auftreten.

Eine seltsame Feindschaft

Damit wären wir bei der Frage, die mich an diesem Abend fast noch mehr beschäftigt hat: Woher kommt eigentlich diese plötzliche Feindschaft zwischen den Fanlagern? Ich habe im Laufe meines Lebens unzählige Spiele von Kickers Emden gesehen, darunter auch einige gegen Atlas Delmenhorst. Natürlich war da Rivalität. Natürlich wollte niemand verlieren. Aber diese aggressive Abneigung ist neu. Sie wirkt künstlich, beinahe konstruiert. Als hätten irgendwann einige Leute beschlossen, dass zwei Vereine aus dem Nordwesten nun unbedingt verfeindet sein müssten.

Eine Feindschaft aus dem Nichts - aber kreativ sind sie dann doch. Foto: BB
Eine Feindschaft aus dem Nichts – aber kreativ sind sie dann doch. Foto: BB

Dabei teilen beide Fanszenen vermutlich mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Atlas und Kickers kommen aus Städten, die nicht mit Hochglanz-Optik überzeugen, sondern geprägt sind durch harte Arbeit. Beide Vereine haben schwere Zeiten erlebt, beide leben von treuen Anhängern und einer gewissen regionalen Sturheit. Eigentlich gäbe es genügend Gründe für gegenseitigen Respekt. Und: Beide Fanszenen teilen so manche Abneigung. Diese Feindschaft braucht kein Mensch. Deshalb habe ich es mir nach dem Spiel auch nicht nehmen lassen, mit einem alten Freund aus Delmenhorst einen Döner essen zu gehen. Futtern gegen die Feindschaft. Irgendwo muss der Widerstand schließlich beginnen.

Als Gästefan das Opernglas nicht vergessen!

Ein echtes Ärgernis ist dagegen der Gästebereich im Städtischen Stadion an der Düsternortstraße. Wobei die Anlage eigentlich Michael-Lietzow-Stadion heißen sollte, benannt nach dem legendären und viel zu früh verstorbenen Streiter und Organisator der Blau-Gelben, der Atlas in schweren Zeiten die Treue hielt. Gästefans stehen dort gefühlt außerhalb des eigentlichen Stadions. Schon die überdimensionierte Leichtathletikanlage sorgt dafür, dass die Spieler in weiter Ferne zu kleinen Figürchen werden. Als wäre das nicht genug, versperrt auch noch ein gewaltiger Käfig für Hammerwurf und Diskus große Teile der Sicht.

Man bezahlt Eintritt für ein Fußballspiel und verbringt anschließend 90 Minuten damit, durch Metallstreben hindurch zu erahnen, was auf dem Rasen gerade passieren könnte. Das eigentlich Ärgerliche daran: Diese miserablen Plätze sind den Gästen vorbehalten. Die Anhänger von Atlas stehen an den Seitenlinien und genießen beste Sicht. Gastfreundschaft sieht anders aus.

Fast vier Gegentore pro Partie

Irgendwann müssen wir dann aber doch über Fußball reden. Nicht über jede Torchance und jeden Wechsel, dafür gibt es genügend Spielberichte. Aber über eine Erkenntnis, die sich nach fünf Saisonspielen kaum noch verdrängen lässt: Kickers Emden hat ein massives Abwehrproblem. 18 Gegentore in fünf Partien sprechen eine unmissverständliche Sprache. Und dabei ging es bislang noch nicht einmal gegen die mutmaßlichen Schwergewichte der Liga. Die bisherigen Gegner würde man am Saisonende überwiegend im Mittelfeld oder darunter erwarten.

Auch Atlas war am Mittwoch keine offensive Übermannschaft. Die Delmenhorster waren aber gallig. Sie gingen in die Zweikämpfe, setzten nach und glaubten daran, dass gegen diese Emder Hintermannschaft immer etwas möglich sein würde. Dieser Wille reichte für drei Tore. Die Kickers-Defensive wirkte dagegen körperlich und mental langsam. Absprachen waren kaum zu erkennen, Zuständigkeiten offenbar ebenso wenig. Besonders in der eigenen Hälfte zeigte der BSV ein teilweise unterirdisches Zweikampfverhalten. Während sich die Atlas-Spieler in jeden Ball warfen, begleiteten die Emder ihre Gegenspieler mitunter, als dürfe man sie keinesfalls bei der Arbeit stören. So kam der Aufsteiger zu erstaunlich einfachen Möglichkeiten. Und seien wir ehrlich: Hätte Atlas an diesem Abend etwas genauer gezielt, hätte aus einem 3:3 auch ein Debakel werden können.

Eine Lebensversicherung namens Luc

Die Lebensversicherung der bisherigen Saison heißt Luc Ihorst. Sechs Tore hat der 26-Jährige inzwischen erzielt. In Delmenhorst traf er zweimal und bereitete auch das dritte Emder Tor vor. Ohne ihn stünde Kickers nicht auf Platz zwölf. Wahrscheinlich müsste man in der Tabelle ein gutes Stück weiter unten suchen. Ihorst hat vor allem während seiner Zeit bei Eintracht Braunschweig gezeigt, dass er deutlich mehr kann als Regionalliga. Seine Laufbahn wurde allerdings immer wieder von Verletzungen ausgebremst. Transfermarkt führt seit 2020 insgesamt 78 verpasste Partien auf, davon allein 37 wegen Problemen im Leistenbereich. Mehr als eine komplette Spielzeit ging dadurch verloren.

Das ist tragisch für einen Vollblutstürmer, dessen Talent problemlos für mindestens die 2. Bundesliga reichen müsste. Für Kickers birgt es zugleich ein gewaltiges Risiko. Fällt Ihorst aus, dürften auch einige entscheidende Tore ausbleiben. Einen zweiten Spieler, der seine Qualität vor dem gegnerischen Tor ersetzen könnte, gibt der Kader derzeit nicht her.

Erfahrene Verstärkung für die Defensive nötig

Die laufende Saison soll offiziell dazu dienen, den Übergang zum Profitum zu bewältigen. Damit das in Ruhe gelingen kann, muss die Defensive dringend stabiler werden. Kickers braucht einen Abwehrchef. Einen erfahrenen Spieler, der die jungen Akteure führt, Kommandos gibt, Verantwortung übernimmt und eine erkennbare Hierarchie in die Hintermannschaft bringt. Ansonsten droht eine Saison, in der es nicht um einen ruhigen Platz im Mittelfeld, sondern gegen den Abstieg geht. Nach den bisherigen Auftritten wäre dieses Szenario keineswegs unrealistisch.

Der Transfermarkt gibt dabei einiges her. Nicht zu jung, einiges an Erfahrung (gern höherklassig), dazu bezahlbar, so würde der Suchzettel wohl aussehen. Da fallen dann Spieler wie Moritz Heyer, Tobias Kraulich oder Nico Neidhardt ins Auge. Mit der entsprechenden Perspektive und angesichts der bereits gestarteten Saison hätte man hier wohl auch Argumente. Ob es so kommt, hängt aber von Kickers selbst ab und ob man die Situation ähnlich analysiert wie die Blauen Ostfriesen.

Was ist mit dem Ostfriesen-Gen?

Einige Fans in meiner Nähe stellten am Mittwoch noch eine andere Frage: Fehlt dieser jungen Mannschaft vielleicht das Ostfriesen-Gen? Da stünden zwar Profis auf dem Platz, hieß es, aber zu wenige von ihnen verstünden, was Ostfriesland ist und was Kickers Emden den Menschen bedeutet. Ganz von der Hand zu weisen ist dieser Eindruck nicht. Allerdings hat das Ostfriesen-Gen wenig mit dem Geburtsort zu tun. Niemand muss in Emden, Aurich oder Norden geboren worden sein, um für Kickers alles zu geben. Luc Ihorst kommt aus Damme und verkörpert derzeit trotzdem mehr von dem, was die Anhänger sehen wollen, als mancher gebürtige Ostfriese.

Dieses Gen zeigt sich nicht im Personalausweis. Es zeigt sich in Zweikämpfen, im gegenseitigen Absichern, im Aufbäumen nach einem Fehler und in der Bereitschaft, für den Nebenmann einen zusätzlichen Meter zu laufen. Es bedeutet, zu begreifen, dass Kickers für viele Menschen kein beliebiger Viertligist ist. Das kann eine junge Mannschaft lernen. Sie muss es allerdings bald lernen. Das Ostfriesen-Gen muss niemand im Blut haben. Aber wer das Kickers-Trikot trägt, sollte es spätestens beim Anpfiff in den Beinen spüren.

Von kneun

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