Wenn der VAR nicht eingreift, obwohl er es sollte, wird das Fußballspiel zum reinen Glücksspiel.
Wenn der VAR nicht eingreift, obwohl er es sollte, wird das Fußballspiel zum reinen Glücksspiel.

Ich war schon früh Fan der Idee, dass eine unbeteiligte Instanz Fehlentscheidungen im Fußball aufklärt und den Schiedsrichter so davor schützt, spielentscheidende Patzer zu begehen. Genau das ist der Job des Video-Schiedsrichters. Nur: Viel zu oft greift er ein, wo es unsinnig ist. Oder er greift nicht ein, wo es notwendig wäre.

Die Zweitligapartie heute von  Eintracht Braunschweig gegen Holstein Kiel  liefert wieder so einen Moment, der das ganze VAR-Problem auf den Punkt bringt. In der 43. Minute sieht Lukas Frenkert Rot. Begründung: letzter Mann, Notbremse. Schiedsrichter ist Eric Weisbach, am Videoschirm im Kölner Keller sitzt Florian Lechner.

Offensichtliche Fehlentscheidung bleibt vom Kölner Keller unkorrigiert

Die Entscheidung für den Platzverweis ist falsch. Das Absurde an der Szene ist dabei nicht, dass ein Schiedsrichter sich irrt. Das passiert. Absurdes entsteht erst durch das Versprechen, das der Videobeweis seit Jahren mit sich trägt: Das System soll genau diese spielentscheidenden Fehlurteile aus dem Spiel nehmen. Und dann steht man wieder da und fragt sich, wofür es diesen Aufwand gibt, wenn ausgerechnet bei einer Roten Karte nichts korrigiert wird.

Neutrale Liveticker im Internet beschreiben den Haken an der Entscheidung sehr klar. Das Foul sei zwar unstrittig, die Situation aber weit rechts außen und eben keine klare vereitelte Torchance. Trotzdem Rot. Wenn das der Kern der Lage war, dann spricht das Regelwerk gegen den Platzverweis. Bei einer Notbremse geht es nicht um Bauchgefühl, sondern um eine „offensichtliche Torchance“. Dafür nennt Regel 12 konkrete Kriterien. Entfernung zum Tor, Spielrichtung, Wahrscheinlichkeit der Ballkontrolle, Anzahl und Position der Verteidiger. Wer diese Punkte ernst nimmt, kommt bei vielen dieser „letzter Mann“ Situationen genau zu dem Ergebnis, das heute so viele Fans wütend macht. Rot wirkt überzogen, weil das „offensichtlich“ fehlt.

Bei Platzverweisen sind die Konsequenzen maximal

Und damit sind wir beim Kölner Keller. Florian Lechner ist ein untadeliger Sportsmann und Eric Weisbach ein engagierter Schiedsrichter. Das Problem ist größer als Namen. Es ist ein Systemfehler.

Der VAR darf nur eingreifen, wenn ein klarer und offensichtlicher Fehler vorliegt oder ein schwerer Vorfall übersehen wurde. Auf dem Papier klingt das vernünftig, in der Praxis ist es der Mechanismus, der Vertrauen zerstört. Denn gerade bei Roten Karten sind die Konsequenzen maximal. Eine Mannschaft spielt fortan in Unterzahl, ein Spiel kippt, eine Tabelle kippt, ein Spieler fehlt womöglich im nächsten Spiel. Trotzdem wird die Eingriffshürde ausgerechnet dort so hoch gelegt, dass man sich hinter „Interpretationsspielraum“ verschanzen kann. Der VAR wird dann nicht zum Fairnessinstrument, sondern zur Ausrede, warum man einen Fehler laufen lässt.

Fehler sind menschlich. Die Technik aber sollte das vermeiden

Das ist die zentrale Kränkung für Fans. Nicht, dass es strittige Entscheidungen gibt. Sondern dass sie unter Hochtechnologie stattfinden und am Ende trotzdem wie Münzwurf wirken. Dazu kommt die Kommunikationswüste. Der Zuschauer sieht Bilder, hört aber keine Begründung. Das verstärkt den Eindruck, dass Entscheidungen irgendwo im Off getroffen werden, ohne dass jemand Verantwortung sichtbar übernimmt. Deutschland testet inzwischen Stadiondurchsagen nach VAR-Überprüfungen, um Transparenz zu erhöhen. Das ist ein Schritt. Aber es löst den Kernfrust nicht, weil die größten Aufreger oft genau die Szenen sind, bei denen es eben keine Durchsage gibt.

Wenn der deutsche Profifußball den Videobeweis retten will, muss er ehrlich sein und sich entscheiden. Entweder der VAR bleibt ein Minimalist, dann muss man offen sagen, dass er viele der größten Ungerechtigkeiten nicht anfassen wird, weil eben „klar und offensichtlich“ zu selten erreicht wird. Oder man reformiert den Einsatz so, dass er dort greift, wo der Schaden am größten ist. Bei direkten Roten Karten zum Beispiel, bei denen die DOGSO-Kriterien offensichtlich nicht erfüllt sind, sollte ein kurzer Gang zum Monitor nicht die Ausnahme sein, sondern der Standard. Nicht für jede Nickligkeit, sondern für die Momente, die ein Spiel endgültig drehen.

Reform des VAR ist dringend nötig

Man kann auch über ein Challenge-System nachdenken, wie es in anderen Sportarten funktioniert. Dann liegt die Verantwortung für das Anstoßen einer Überprüfung nicht nur in einer Blackbox, sondern auch bei den Trainern, begrenzt und klar geregelt. Dass solche Ansätze gerade wieder lauter diskutiert werden, ist kein Zufall. Der Frust hat ein Niveau erreicht, bei dem selbst Funktionäre und Trainer das ganze Konstrukt öffentlich infrage stellen.

Der Videobeweis sollte den Fußball fairer machen. Stattdessen hat er eine neue Art Ungerechtigkeit geschaffen. Fehler bleiben bestehen, nur jetzt mit dem Gefühl, dass sie vermeidbar gewesen wären. Genau deshalb ist die Szene um Frenkert mehr als ein Spielmoment. Sie ist ein Beleg dafür, dass der VAR im derzeitigen deutschen Betrieb nicht als Schutzengel funktioniert, sondern als Schaufenstertechnik, die zu oft dann schweigt, wenn sie gebraucht wird.

Von togo

Hat Trainerschein und Lust zum Schreiben - gefährliche Mischung. Findet Schirischelte billig und kann Schwalben nix abgewinnen. Höchste erreichte Ligen: Kreisliga (Spieler), Landesliga (Trainer), Oberliga (Funktionär).

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